Waldtag Bayern: Ballungsräume stellen Wald und Forstwirtschaft vor besondere Herausforderungen

08. November 2018
Quelle:
IHB MK/ZWFH
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Waldtag Bayern 2018Wald und Forstwirtschaft in Ballungsräumen – Welten treffen aufeinander! Früher extrem strapaziert für den Rohstoffbedarf der Städte. Heute flächenmäßig relativ stabil, „Grüne Lunge“ der Städte und Garant für hohe Lebensqualität. Und morgen? Diese Frage diskutierten Vertreter des Kommunal- und des Forstsektors mit rund 150 Teilnehmern am Waldtag Bayern am 18. Oktober 2018 in Nürnberg. Ausrichter der Veranstaltung waren die „Vertreter der Bayerischen Forstwirtschaft“ (VBF), ein Bündnis von 21 Institutionen, die mit der Forstwirtschaft in Bayern befasst sind. Deren Sprecherin Viktoria Gindele van Kempen verwies in ihrer Begrüßung auf die „Weihenstephaner Erklärung“ vom ersten Waldtag der VBF 2008, deren Schwerpunkt der Klimaschutz war und die angesichts von Stürmen, Dürre und Borkenkäfer nichts von ihrer Aktualität verloren habe.

Dr. Joachim HambergerBereits der Tagungsort des diesjährigen Waldtags war Programm: In Nürnberg führte vor 650 Jahren der Ratsherr Peter Stromer als „Tannensäer von Nürnberg“ die erste systematische Aufforstung durch. Aus der mittelalterlichen Holzknappheit heraus begründete er damit nicht nur den heutigen Reichswald sondern auch die moderne Forstwirtschaft. Dr. Joachim Hamberger, Vorstand des Vereins für Nachhaltigkeit, bezeichnet „diese kulturelle Leistung als den Urknall der forstlichen Nachhaltigkeit“. Während andere Städte wie München ihren ökologischen Fußabdruck mit der Flößerei über Flüsse an deren Oberlauf verlagern konnten, war das in Nürnberg nie möglich, so Hamberger weiter. Die Stadt war ausschließlich auf den Wald vor ihrer Haustür angewiesen. Der Gedanke der ressourcenerhaltenden Nutzung lebt bis heute in der Forstwirtschaft weiter und ist dort fest verankert. In modernen Zeiten setzen die Ausweisung zum Bannwald und der Umbau in naturnahe Mischwälder Maßstäbe, weit über Nürnberg hinaus.

Enger geht’s nicht: Nürnberg und der Reichswald

Dr. Ulrich MalyIn seiner Festrede stellt Nürnbergs Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly die Bedeutung des Waldes für die Bürger heraus: „Nürnberg ist eine der am dichtesten besiedelten Städte in Deutschland. Es gibt wenige Grünflächen.“ Grund ist, dass Nürnberg nie eine Fürstenstadt war, so Maly. Deshalb fehlen Parks, die in anderen Städten oft von Fürsten gestiftet worden waren. Der Kontrast zwischen der Besiedelungsenge und dem bis an die Gärten heranreichenden Reichswald könnte deshalb nicht größer sein. 1979 wurde der Nürnberger Reichswald der erste Bannwald Bayerns und damit der kommunalen Entscheidungshoheit entzogen. Nach außen kann die Stadt nicht weiter wachsen. Wachstum ist nur auf sogenannten Konversionsflächen möglich, ehemalige Industrieareale, die in Wohnbauflächen umgewandelt werden. Bis auf Maßnahmen des Straßenausbaus bleibt der Reichswald unangetastet. Und auch die für Straßen gerodeten Flächen müssen flächengleich aufgeforstet werden. „Wir sind uns des Wertes des Reichswaldes bewusst. Für Freizeit und Erholung besitzt er eine herausragende Bedeutung. Der Reichswald ist für uns ein wahrer Schatz“, so Maly abschließend.

Georg Förster„Neben der sozialen und ökologischen Funktion haben Wälder große wirtschaftliche Bedeutung als eine der wichtigsten Quellen natürlicher Ressourcen“ so Maly. Besonders in Ballungsräumen führt die Bewirtschaftung häufig zu Konflikten. Georg Förster, Bürgermeister der Gemeinde Buckenhof berichtet: „Die Bürger sind stocksauer, wenn Holz aufgeladen und mit einem 40-Tonner im Wald abgeholt wird“. Er spricht in diesem Zusammenhang von einem zunehmenden Egoismus vieler Bürger, die den Wald rein als Erholungswald wollen. Als Bürgermeister hält er dagegen, denn für ihn ist Holz ein unverzichtbarer, nachhaltig bereitgestellter „Öko-Rohstoff“, der als CO2-Speicher zudem für den Klimaschutz eine wichtige Rolle spielt. Besonders Mountainbiker sehen den Wald laut Förster als „Event-Zone“. Gerade empfindliche Felsbereiche oder feuchte Stellen werden wegen des höheren Erlebniswerts befahren. Gerade diese Bereiche seien was den Artenschutz betrifft aber besonders empfindlich.

Roland BlankRoland Blank, Leiter des Forstbetriebs Nürnberg der Bayerischen Staatsforsten ist für die Bewirtschaftung des gesamten Nürnberger Reichswaldes zuständig. Er stimmt Georg Förster zu. Die Bürger sehen den Nürnberger Reichswald als „ihren Wald“. Dennoch dürfe nicht jeder alles tun. Die Waldbewirtschaftung, die viele Waldbesucher stört, sei unverzichtbar, wenn man einen Waldumbau wolle. Und ohnehin sei es sinnvoller, den Holzbedarf von Wirtschaft und Bevölkerung aus möglichst nahegelegenen Quellen zu decken. Ohne die Forstwirtschaft und die damit verbundenen Waldwege gebe es ohnehin keinen Waldbesuch. Ein Fakt, den viele Besucher vergessen. „Wir wollen niemanden aussperren“, sagt Blank. Aber es sei wichtig, die Belange des Anderen zu achten.

Götz Freiherr von RotenhanGötz Freiherr von Rotenhan, Stellvertretender Vorsitzender des Bayerischen Waldbesitzerverbands, wies darauf hin, dass es Erholung im Wald nicht zum Nulltarif gibt. Allein der Dialog mit der Bevölkerung bedeute Arbeitsstunden, dazu komme die Verkehrssicherung entlang der Wege. Hinzu kommen Naturschutzmaßnahmen, die Geld kosten. Alles in Allem bezifferte Rotenhan die Kosten für Gemeinwohlleistungen auf 6-8 EUR/fm. Hier müsse es Ausgleichsmöglichkeiten für Waldbesitzer geben. Abschließend appellierte er für Vertrauen in Forstleute und Waldbesitzer angesichts anhaltender Naturschutzdiskussionen, die durch Sturmschäden und Borkenkäfer wieder aufflammen. Man sei schon mit anderen Herausforderungen fertig geworden, darunter Reparationshiebe und saurer Regen. Der Wald sei bei Förstern und Waldbesitzern in guten Händen.

Naturschutz durch Bewirtschaftung

Dr. Klaus KöppelDurch die Arbeit der Förster ist der Reichswald erst zu dem heutigen Naturjuwel geworden. Spechte, Greifvögel, Fledermäuse und seltene Arten wie der Ziegenmelker finden hier einen Lebensraum. „Der Reichswald ist fast vollständig als Vogelschutzgebiet ausgewiesen“ betont Dr. Klaus Köppel, Leiter des Umweltamts Nürnberg. „Das verdeutlicht seine Bedeutung als Schutzgebiet von europäischem Rang. In den letzten Jahren waren Eingriffe in die Natur erheblich, aber es gibt viele vorbildliche Lösungen, die gemeinsam mit Verbänden und Forstleuten im Wald umgesetzt werden“. Angesichts dieser Schutzbedeutung des Waldes stellte Köppel die Frage, ob eine stark an der Holznutzung orientierte Waldbewirtschaftung heute noch zeitgemäß ist, und verwies auf die Holzentnahme zu Brutzeiten. Lediglich 40% der Staatswaldfläche und 30% der Privatwaldfläche in Bayern würden naturnah bewirtschaftet, so Köppel. Während unter forstlichen Gesichtspunkten die Holznutzung den Zuwachs bisweilen überschreiten darf, zum Beispiel beim Waldumbau, geht der Naturschutz von einer Nutzungsquote nicht über 80% aus

PEFC-zertifizierter Erholungswald in Augsburg

Jürgen KircherIm Stadtwald Augsburg wurde die Betriebsklasse Auwald vom PEFC als Erholungswald zertifiziert. Hier tritt die Holznutzung auf 2.500 ha deutlich hinter die Erholungsnutzung zurück, erklärte Forstbetriebsleiter Jürgen Kircher. Neben der Erholung dient der Wald der Trinkwassergewinnung, dem Natur- und Klimaschutz und ist als Bannwald ausgewiesen. 70 km Bäche und 200 km Wege müssen in dem Wald gepflegt werden, der jährlich 3-4 Mio. Besucher hat. Betriebsziel in dem Wald ist die Erholung. Seit 2015 hat der Auwald das Zertifikat PEFC-Erholungswald. Das Zertifikat erhöhe die die Glaubhaftigkeit gegenüber den Bürgern und diene als Werbemittel sowie als Mittel zur Sensibilisierung für die eigene Tätigkeit führte Kircher aus. Die Ansprüche an den Wald sind enorm: Das Wasserwerk erwartet Laubholzanbau ohne Bodenverwundung, eine extensive Bewirtschaftung sowie exzellente Wege zu den Pumpenhäusern rund um die Uhr, das ganze Jahr. Man betreibe eher Naturschutz an Bäume und Öffentlichkeitsarbeit. Die sei bei forstlichen Maßnahmen die alles entscheidende Maßnahme gegenüber der Bevölkerung, um Proteste und Misstrauen zu vermeiden. Bereits vor den durchzuführenden Hiebsmaßnahmen müssen diese kommuniziert werden. Während der Maßnahmen seien Flächenpräsenz und aktive Kommunikation wichtig, betont Kircher.

Holzbauweise ist Beitrag zum Klimaschutz

Wolf OpitschWolf Opitsch, Architekt und Sachgebietsleiter im Referat für Stadtplanung und Bauordnung der Landeshauptstadt München gab seine Erfahrungen mit der modernen Holzbauweise im kommunalen Bereich am Beispiel der Mustersiedlung im Prinz-Eugen-Park wider: „Die Leute, die im Holzbau einziehen, lieben das. Sie wollen nichts anderes. Für die Bewohner ist es wirklich etwas Besonderes im Holzbau zu leben.“ Mittlerweile ist selbst der mehrgeschossige Holzbau kein Problem, im Gegenteil bietet der Holzbau Vorteile: „Es geht schneller, ist energetisch günstiger, der Wohlfühlfaktor ist höher und natürlich ist der Klimaschutz durch den CO2-Speicher Holz ein wichtiges Kriterium. Gegenüber der mineralischen Bauweise können bis zu 60% der klimaschädlichen Emissionen substituiert werden“ so Opitsch.

Multifunktionalität und Öffentlichkeitsarbeit

Der Wald leistet viel, das hat der Waldtag Bayern verdeutlicht. Die Forstwirtschaft in Bayern bewegt sich auf einem hohen Niveau und ist sich der Multifunktionalität von Wald bewusst. Als Ergebnis des Waldtags Bayern 2018 kann festgehalten werden, dass die Zusammenarbeit zwischen Kommunen und Forstsektor bereits vielerorts gut funktioniert. Manche Waldbesucher bringen geringe Akzeptanz für die Waldbewirtschaftung und Holzbereitstellung auf. Das führt immer wieder zu Diskussionen, bei denen die Komplexität des Ökosystems Wald erklärt werden muss. Aufklärung über die Arbeit im Wald im direkten Dialog mit den Bürgern sowie ausgeprägte Öffentlichkeitsarbeit bieten hier gute Chancen die Akzeptanz zu erhöhen.

Gemeinsame Botschaft der Bayerischen Forstwirtschaft

VBF Gemeinsame Botschaft 2018Am Waldtag Bayern präsentierten die Vertreter der Bayerischen Forstwirtschaft (VBF) – ein Zusammenschluss 21 forstlicher Vereine und Verbände zusammen mit der Staatsregierung – ihre gemeinsame Botschaft. Darin gehen die VBF speziell auf die Problematik von Wald und Forstwirtschaft in Ballungsräumen ein. Sie fordern unter anderem die Kommunen auf, mehr Holzbauprojekte auf den Weg zu bringen, finanziellen Mehraufwand für Erholungsfunktion und Sicherstellung der Biodiversität auszugleichen und die Akzeptanz für die Bewirtschaftung zu erhöhen. Sie ermutigen alle, die mit dem Wald zu tun haben, miteinander in den Dialog zu treten.